Städtische Wilhelm-Busch-Realschule München
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Lehrergeständnis"

Ich gebe nur noch gute Noten"

 

Ist es gerecht, Schülern die Zukunft zu verbauen, weil Lehrer ihnen schlechte Noten geben? Das hat sich eine Lehrerin gefragt - und entschieden: Bei ihr besteht jeder das Abitur.

 
Lehrerin vor Tafel (Symbolbild)
Getty Images/Westend61    Lehrerin vor Tafel (Symbolbild)

Wie Schule wirklich ist
 

"Vor zwei Jahren hatte ich einen Schüler in meiner Lerngruppe - nennen wir ihn Tarik - der das Schuljahr wiederholen musste, weil er durchs Abi gefallen war. In einer Übungsstunde vor der letzten Abiturprüfung ahnte Tarik, dass es wieder eng werden würde und war besorgt: 'Wenn ich es jetzt wieder nicht schaffe, werden meine Eltern das nicht verkraften, sie werden mich nicht mehr akzeptieren und rauswerfen. Ich hab Angst, dass ich in ein Loch falle und nicht rauskomme, dass ich kriminell werde...'

 
 

Wir redeten damals lange miteinander, und ich erfuhr viel über die familiäre Situation des Schülers. Seine Familie kam vor gut zehn Jahren aus einem Kriegsgebiet nach Deutschland. Tariks Vater ist nach einem Unfall im Heimatland arbeitsunfähig geworden und daher unterstützt Tarik als Ältester von fünf Geschwistern die Familie finanziell.

 

Er begleitet seine Eltern und Geschwister auch zu Amts- und Arztbesuchen, um sie sprachlich zu unterstützen. In den vergangenen Monaten stand Tarik seiner Mutter bei, weil sie sehr unter dem Tod ihrer Mutter litt.

 

Im Kulturkreis seiner Familie ist es undenkbar, das Abitur nicht zu schaffen. 'Ich setze mich gerade zu sehr unter Druck und kriege gar nichts mehr hin in den Prüfungen', sagte Tarik. Ich spürte, dass er am Ende seiner Kräfte war.

Lehrergeständnisse
 

Ein anderer Schüler verfolgte das Gespräch und sagte zu uns: 'Eigentlich sind die Lehrer doch Pädagogen und müssten genau dafür da sein, um aufzufangen, wenn zu Hause etwas schiefläuft, wenn sehr viel Druck da ist.'

 

Tarik hatte sich trotz aller Herausforderungen im letzten Schuljahr in fast allen Fächern auf Noten zwischen eins und drei verbessert, nur in einem Nebenfach stand er auf mangelhaft und in einem Prüfungsfach auf ausreichend. Damit würde er beim Abi wieder knapp scheitern. Mir wurde klar, wie ungerecht das in diesem Fall wäre.

 

Das Beurteilen zählt zu den Aufgaben jedes Lehrers. Dazu schreibt die Kultusministerkonferenz (KMK), dass Lehrerinnen und Lehrer 'kompetent, gerecht und verantwortungsbewusst' beurteilen sollen. 'Junge Menschen müssen in der Schule erfahren, dass sie fair und gerecht behandelt und beurteilt werden und sie ihre Bildungschancen voll ausschöpfen können.'

 

Diesem Satz stimme ich absolut zu, nur: Ist es gerecht, wenn Schülerinnen und Schüler aufgrund meiner Note nicht studieren können oder nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden? Woher weiß ich, wie sich jemand in Zukunft noch entwickelt und wozu er fähig ist? Selbst bei meinen eigenen Kindern kann ich das nicht genau sagen.

Es ist eine Illusion, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Noten gerecht und verantwortungsbewusst Leistungen widerspiegeln können.

 

Jeder bekommt eine Studienberechtigung

 

Der Notendruck macht vielen Schülern Angst, er frustriert und manipuliert sie, behindert häufig das Lernen oder auch, dass sie sich zu verantwortungsbewussten Personen entwickeln können. Dabei soll Schule doch ein Ort dafür sein, sich zu entwickeln. Dennoch muss ich Noten geben. Das ist ein Dilemma, das viele Lehrer und Lehrerinnen, mit denen ich spreche, ähnlich empfinden.

 

Ich habe das Gefühl, dass ich durch die Notengebung meiner Aufgabe, die Schüler beim Lernen zu unterstützen, nicht mehr genug nachkomme. Als mir das klar wurde, beschloss ich, meine Notengebung umzustellen. Seitdem gibt es in meinem Unterricht nur noch gute Noten: Jeder bekommt eine Studienberechtigung. Gleichzeitig mache ich meinen Lerngruppen die hohen Anforderungen eines Studiums bewusst und berate jeden persönlich.

 

Da die Noten als Druckmittel wegfallen, ist keine Schülerin und kein Schüler mehr dazu gezwungen, sich mit bestimmten Unterrichtsinhalten auseinanderzusetzen oder sich an etwas anzupassen. Ich muss nun also andere Wege finden, wenn ich möchte, dass sich die Schüler mit einem Thema beschäftigen. Das ist manchmal anstrengend. Aber vor allem macht es ganz viel Freude.

 

Ich kann mich nun endlich darauf konzentrieren, sinnstiftende Fachinhalte interessant zu vermitteln, weil ich nicht mehr darüber nachdenken muss, ob genug fair überprüfbarer Lernstoff darunter ist.

 

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Zurück zu Tarik: Auf meine wiederholte Fürsprache hin entschied sich ein Kollege, ihm doch eine bessere Noten zu geben, und so durfte ich ihm wenig später zu seiner bestandenen Hochschulreife gratulieren. Ich versuche jederzeit, meine Aufgaben als Lehrer nach bestem Können, Wissen und Gewissen gerecht zu erfüllen."

Die Autorin ist Lehrerin an einer Schule in Nordrhein-Westfalen.

 

Quelle und Link: Spiegel Online

 

 

 

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