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Bildungssystem

 

Bildungsystem"Schüler müssen wissen, warum sie in die Schule gehen"

Etwas gelernt werde nur dann, wenn man den Lernprozess selbst gestalten könne und es selbst wolle, sagte Hirnforscher Gerald Hüther im Dlf. Er kritisierte den Schulzwang, plädiert für mehr Freiwilligkeit und forderte die Abschaffung Schulgesetz.

Gerald Hüther im Gespräch mit Tobias Armbrüster

(imago)

  • Hirnforscher Hüther rät unzufriedenen Eltern, ihre Kinder nach den Zeugnissen in den Arm zu nehmen: "Wenn die Ferien vorbei sind, noch mal von vorne, und dann gucken wir mal, ob es dann besser wird". (imago)
 

Tobias Armbrüster:

Es ist Sommer, der13. Juli.

In einigen Bundesländern ist es schon so weit, heute auch in Nordrhein-Westfalen. Es ist der letzte Schultag, der Beginn der Sommerferien, und auch im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW sollte das heißen, dass Eltern und natürlich vor allem die Kinder eins sollen: entspannen, Ferien machen. Aber immer häufiger geht dieses Ferien machen in eine ganz andere Richtung. Kinder - das hört man dann von Lehrern und auch Eltern -, die sollen diese sechs Wochen intensiv und effektiv nutzen, sich vorbereiten auf das nächste Schuljahr, für Nachprüfungen büffeln oder Stoff wiederholen. Im Internet gibt es sogar jede Menge Angebote für regelrechte Mathe-Camps.

Ist das eine gute Entwicklung, oder läuft da etwas grundsätzlich schief beim Thema Ferien, beim Thema Lernen? - Ich habe darüber vor wenigen Minuten mit dem Neurobiologen Gerald Hüther gesprochen, Autor zahlreicher Bücher zum Thema. Ich habe ihn zunächst gefragt, ob das zusammen passt, Schulferien und Lernen?

Gerald Hüther: So waren die Ferien jedenfalls ursprünglich mal nicht gedacht. Aber Sie meinen ja dieses schulische Lernen. In der Tat ist es so, dass Menschen immer was lernen. Es ist ja nicht nur so, dass Lernen in der Schule stattfindet. Man hat mal eine Zeit gehabt, da hat man auch noch Dinge gelernt, die nichts mit Schule zu tun hatten, und dafür gab es die Ferien und das war auch gut so, glaube ich.

Lernen "nicht noch in den Ferien oder abends oder zuhause"

Armbrüster: In den Ferien lernen für Mathe oder Erdkunde, geht das?

Hüther: Das wäre in meinen Augen ein Zeichen für eine völlige Kapitulation oder eine Bankrotterklärung eines Schulsystems, weil die Schule ist ja dazu da, dass die Schüler das dort lernen und nicht dann noch in den Ferien oder abends oder zuhause oder im Nachhilfeunterricht.

Armbrüster: Was ist denn, wenn ein Kind spezielle Schwächen hat in einem Fach, oder wenn beispielsweise eine Nachprüfung ansteht?

Hüther: Das Problem sitzt, glaube ich, ein bisschen tiefer, weil es ist ja so, dass man eigentlich nur dann etwas lernen kann - ich bin ja Neurobiologe -, wenn man selbst diesen Lernprozess auch gestalten kann. Das heißt, es kann einem ja niemand diese Verschaltungen ins Hirn bauen. Die muss man sich selbst da reinbauen, und deshalb kann man im Grunde genommen nur dann was lernen, wenn man es auch selber will. Das ist ein zentraler Punkt. Dann geht es einem auch unter die Haut. Dann ist es einem wichtig und dann ist der Lernprozess auch emotional aufgeladen.

Das Riesenproblem, was wir haben, ist nicht, dass wir schlechte Schulen haben oder schlechte Lehrer, sondern dass wir ein Schulsystem haben, was so aufgebaut ist, dass man dort hin muss. Wir haben ein Schulgesetz, ein Schulanwesenheitspflicht-Gesetz, und solange das so ist, dass ein Schüler, wenn er aus der Schule kommt und gefragt wird, warum gehst Du in die Schule, nichts anderes sagt als, weil er muss, dann ist da was grundlegend falsch. Das mag vielleicht im vorigen Jahrhundert oder im Kaiserreich noch sinnvoll gewesen sein, Schüler zwangsweise in die Schule zu schicken, aber das ist im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr die richtige Art. Das führt dann dazu, dass die Schüler in der Schule, wie wir das sagen, unmotiviert sind. Das heißt, die wissen gar nicht, warum sie dorthin sollen, oder die gehen nur dort hin, weil sie müssen, und unter solchen Umständen kann man nicht viel lernen. Das Ergebnis ist, dass auch nicht viel hängen bleibt, und das führt dazu, dass dann so viel mit Nachhilfe versucht wird. Und zwei Jahre nach dem Abitur - da gibt es ja wunderbare Untersuchungen dazu - ist 90 Prozent von all dem, was die da in den 13 oder 12 Jahren gelernt haben, wieder weg. Das ist doch einfach völlig uneffektiv. So kann man im Grunde genommen nicht weitermachen.

"Schüler müssen wissen, warum sie in die Schule gehen"

Armbrüster: Was sagen Sie denn? Was müsste sich ändern?

Hüther: Ich denke, wir müssen das Schulgesetz abbauen. Das muss weg. Die Schüler müssen wissen, warum sie in die Schule gehen, nämlich weil sie hin wollen.

Armbrüster: Das heißt, Schule wird freiwillig?

Hüther: Ja. Deshalb funktioniert ja Nachhilfe. In die Nachhilfe gehen Sie ja auch freiwillig. Die sind dann in der Schule so schlecht, dass sie sagen, dann gehe ich jetzt zur Nachhilfe, aber das ist wenigstens freiwillig. Dafür wird auch bezahlt. Im Gymnasium, wo heute so viele sagen, damals war alles noch so großartig - das Gymnasium war eine privilegierte Schulform. Dort hat sich jeder, der da hingegangen ist, ausgezeichnet gefühlt. Der ist da gerne hingegangen. Und dann klappt das Lernen. Aber immer dort, wo man hin muss, und wenn man nicht weiß und man keinen Grund hat, warum man dahin muss, da kann Lernen nicht funktionieren.

Ich sage es noch mal: Es gibt drei Gründe oder drei Möglichkeiten, den Lernstoff emotional aufzuladen. So heißt das wissenschaftlich. Das heißt, das muss unter die Haut gehen. Der erste ist, dass es einen wirklich interessiert, und dann will man es auch und dann lernt man auch alles. So beginnt ja auch in der Zeit, bevor wir die Kinder in die Schule schicken, der Lernprozess und so ist er ja auch richtig.

Dann, wenn das nicht möglich ist, geht es noch, dass man jemand anders zuliebe lernt. Das ist dann die berühmte Grundschullehrerin oder der tolle Lehrer, den man hat. Dann lernt man eigentlich nicht gerne Mathe, sondern man will jemanden glücklich machen. Manchmal auch die Mama.

Die dritte und ungünstigste Form, den Lernstoff emotional aufzuladen, besteht darin, dass man ihn mit Belohnung oder mit Bestrafung koppelt, mit guten oder schlechten Zensuren. Das ist im Grunde genommen kein Lernen, was da stattfindet; das ist Dressur. Das war im vorigen Jahrhundert vielleicht okay. Da hat man ja auch viele Leute gebraucht, die den ganzen Tag immer dieselben Bewegungen an ihren Maschinen gemacht haben und fast genauso funktioniert haben wie die Maschinen. Aber im 21. Jahrhundert ist das völlig daneben. Da braucht man keine gut abgerichteten, gut funktionierenden Leute, sondern welche, die irgendwie Freude am Lernen haben und die das Wichtigste, was sie in die Schule mit hineinnehmen, nämlich diese Entdeckerfreude und Gestaltungslust, hinten auch zumindest in gleicher Stärke wieder mit rausbringen.

"Die Lust an Mathe vergeht durch negative Erfahrungen"

Armbrüster: Herr Hüther, ich kann mir vorstellen, dass da viele Leute jetzt gerade sagen, da ist der Herr Hüther aber sehr idealistisch. Was ist denn los, wenn sich ein Schüler jetzt partout nicht für Mathe interessieren will, wenn er da auch nichts Spielerisches dran entdeckt und wenn er auch niemanden hat, dem zuliebe er es lernt? Dann bleibt ja eigentlich nur noch, ihn irgendwie dazu zu bringen, sich mit Mathe auseinanderzusetzen.

Hüther: Ich glaube, dass es das gar nicht gibt, dass sich ein Schüler für gar nichts interessiert. Das muss ihm dann jemand ausgetrieben haben.

Armbrüster: Nicht für gar nichts, aber für ein bestimmtes Fach. Es kann ja sein, dass es für Zahlen einfach keine besondere Zuneigung gibt.

Hüther: Das hat mit Zuneigung nicht so viel zu tun. Am Anfang des Lebens wollen alle Kinder auch Mathe lernen. Das müssen schon schlechte Erfahrungen sein. Vielleicht hat ihm jemand gesagt, dass er das nicht richtig kann, oder er hat das nicht richtig zeigen können, und dann vergeht die Lust. Die Lust an Mathe vergeht nicht durch Mathe, sondern durch negative Erfahrungen mit denjenigen Personen, die mit Mathe in Zusammenhang stehen, und deshalb heißt die Antwort auf Ihre Frage, dann muss jemand kommen und muss noch mal versuchen, ihn richtig einzuladen und zu ermutigen und zu inspirieren, dass er wieder Lust kriegt, sich mit Mathe zu befassen. Das ist komischerweise genau das, was die Nachhilfelehrer meistens können. Das sind oft Studenten, die Physik oder irgendwas studieren und nebenbei Nachhilfe machen, und dann kommt so ein Schüler, der in Mathe eine Fünf hat, und macht mit denen Mathe und die erklären ihm das, und plötzlich macht ihm Mathe Spaß und ein Jahr später haben Sie eine Eins in Mathe. Das haben wir alles schon gesehen und das ist ein Zeichen dafür, dass es prinzipiell geht, aber dass es offenbar in den Schulen, so wie die aufgebaut sind, nicht funktioniert. Und da können gar nicht so sehr die Lehrer was dazu, sondern das ist die Struktur dieser Schule, die hier so ungünstig ist, weil sie noch aus dem vorigen Jahrhundert stammt.

Gruppen-Lernprozesse: "Die ziehen sich gegenseitig hoch"

Armbrüster: Wenn Sie, Herr Hüther, das Lernen so sehr den Eltern und auch den Schülern freiwillig überlassen wollen, was machen Sie dann mit Schülern, die aus einem Elternhaus kommen, wo das vielleicht überhaupt nicht besonders beachtet wird, wo das Kind auf sich alleingestellt wird und wo sich auch die Eltern nicht besonders weiter darum kümmern, was aus der Schullaufbahn wird?

Hüther: Auch dafür gibt es schöne Beispiele. Das geht meistens gut in sogenannten Peergroups. Gerade hier in Göttingen hat eine Gesamtschule den Deutschen Schulpreis bekommen, weil sie solche Gruppen-Lernprozesse eingeführt haben. Da kann es durchaus sein, dass da Schüler dabei sind, die erstens keine Lust auf ein bestimmtes Fach haben, oder wo auch zuhause keiner ist, der ihnen weiterhilft. Aber die bilden dann eine Lerngruppe, auch mit welchen, die in dem Fach meinetwegen gerade mal besonders gut sind, und dann helfen die sich gegenseitig und die ziehen sich gegenseitig hoch. Das ist eigentlich eine viel bessere Variante und da hat auch der Lehrer dann am Ende viel weniger Arbeit.

Zeugnisse: "Ihr Kind in den Arm nehmen"

Armbrüster: Herr Hüther, Anlass unseres Gesprächs heute Morgen ist wie gesagt der letzte Schultag vor den NRW-Sommerferien. Deutschland mitten in der Ferienzeit. An so einem Tag der Zeugnisübergabe, was sagen Sie Eltern, die heute, wenn sie das Zeugnis lesen, nicht ganz zufrieden sind mit dem, was sie da lesen? Was sollen die machen?

Hüther: Die sollen ihr Kind in den Arm nehmen und sagen, wir versuchen das, wenn die Ferien vorbei sind, noch mal von vorne, und dann gucken wir mal, ob es dann besser wird.

Armbrüster: Der Neurobiologe und Buchautor Gerald Hüther hier bei uns in den "Informationen am Morgen". Vielen Dank für das Gespräch.

Hüther: Gerne! – Schönen Tag noch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Quelle und Link:           Deutschlandfunk Interview mit Gerald Hüther

 

 
 

 

 

Harald Lesch: „Gebt den Kindern Zeit und lasst sie sich entwickeln“

 
 
Interview

So rechnet ZDF-Moderator Lesch mit dem Bildungssystem ab

Harald Lesch findet, dass Kinder durch Schule verunsichert werden. Im Interview erzählt er, welche Folgen das für die Gesellschaft hat.

 

Harald Lesch ist durch seine Auftritte in ZDF-Sendungen wie „Leschs Kosmos“ oder „Terra X“ bekannt geworden. Zudem ist er Professor für Physik an der Ludwigs-Maximilian-Universität München.

Harald Lesch ist durch seine Auftritte in ZDF-Sendungen wie „Leschs Kosmos“ oder „Terra X“ bekannt geworden. Zudem ist er Professor für Physik an der Ludwigs-Maximilian-Universität München.

Foto: imago stock&people / imago/Future Image

 
 

Berlin.  Wer einen Blick auf das deutsche Bildungssystem wirft, wird feststellen, dass es dieses eine, allgemeingültige Schulsystem gar nicht gibt: NRW macht es anders als Hamburg, Berlin anders als Hessen. Jedes Bundesland hat seine eigene Regelung, was dazu führt, dass es Dutzende verschiedene Schulformen und Lehrpläne sowie Hunderte Studienverordnungen gibt. Deutschlands Bildungslandschaft gleicht einem Flickenteppich.

 

Mit seinem Video "Das Schulsystem ist Mist" hat TV-Moderator und Uni-Professor Harald Lesch auf dieses Problem aufmerksam gemacht und einen Hit in den sozialen Netzwerken gelandet. Mit mehr als 24.000 geteilten Inhalten auf Facebook scheint der aus der ZDF-Sendung "Terra X" bekannte Lesch vielen Nutzern wie aus der Seele zu sprechen.

 

Der Professor für Physik an der Ludwigs-Maximilian-Universität in München erklärt im Interview mit unserer Redaktion, warum Bildungsreformen wie Bologna-Prozess oder Turbo-Abitur G8 seiner Meinung nach gescheitert sind. Und er spricht darüber, dass das Versagen der Schule ein ernsthaftes Problem für eine demokratische Gesellschaft ist.

 
 
 

Ihr Video "Das Schulsystem ist Mist" wurde allein auf Facebook mehr als 1,8 Millionen Mal angeschaut. In den Kommentaren äußern viele Nutzer ihre Zustimmung. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

 

Nein. Das Thema liegt mir aber schon seit einigen Jahren am Herzen. Als Professor bin ich ja sozusagen Endverbraucher. Die Veränderung an der Uni mit Bachelor und Master ist schon sehr schnell – aber in der Schule ist diese Beschleunigung ja noch stärker zu spüren. Man erlebt, dass die Studierfähigkeit systematisch nachgelassen hat. Wenn man Eltern, Lehrer oder Schüler fragt, merkt man, dass niemand mit diesem System zufrieden ist. Wirklich niemand. Fragt man allerdings in Schulämtern nach, sind die ganz gelassen und finden die Schulreformen großartig.

 

Wie meinen Sie das?

 

Da werden ständig Erfolgsmeldungen propagiert. Das gilt ja für den Bologna-Prozess, der Studiumsabschlüsse auf ein gleiches europäisches Niveau bringen sollte, genauso. Dass das eigentlich totaler Schwachsinn ist, den wir da gemacht haben und die Fächer, die wir eh schon systematisch studiert haben, nämlich die Naturwissenschaften im Diplom – darüber redet keiner. Alle sagen, das können wir nicht mehr ändern, mit der Begründung, weil wir es nicht mehr ändern können. Diese Art von Argumentation findet man in dem ganzen Bereich sehr oft, wenn es um Schule und Universitäten geht.

 

Viele sagen, der Wettbewerb der Schulsysteme in den Bundesländern fördere die Qualität.

 

Wenn ich nur wüsste, woher dieses ganze Geschwätz von dem Wettbewerb kommt. Man hätte das auch so machen können, dass man ein Blatt Papier mit einem Satz beschreibt: ,Wir erkennen die jeweiligen Studienabschlüsse des jeweiligen anderen Bundeslandes an.' Punkt. Dann unterschreiben alle und Feierabend. Damit hätte man eine prima Öffnung zum Universitätsraum hingekriegt – und zwar ohne, dass wir jetzt universitär homogenisiert werden, was sowieso nicht funktioniert hat. Warum aber eigentlich G8?

 

...also das sogenannte Turbo-Abi nach acht statt neun Jahren Gymnasium.

 

Weil angeblich unsere deutsche Jugendlichen zu alt sind, wenn sie anfangen zu arbeiten. Der ganze Wettbewerb mit Asien, dass die uns eines Tages das Wasser abgraben werden – ich lache mich kaputt. Als ob wir jemals mit Asien konkurriert hätten! Es kann doch nicht sein, dass wir uns in irgendeiner Weise dem japanischen, südkoreanischen oder chinesischen Schulsystem in irgendeiner Form anpassen.

 

Warum macht man das dann so kompliziert?

 

Am Ende glaub ich, dass die Schulen deshalb ständig reformiert werden, weil die Länder da zeigen können, dass sie auch da sind, weil ja ganz viele Kompetenzen von den Ländern an den Bund gegangen sind – wobei nur die Schulen und Universitäten als letztes großes Projekt zeigen können: Hey, wir sind auch noch da.

 

Es geht um Eitelkeiten?

 

Inhaltlich gibt es überhaupt keine Gründe, wir werden immer älter, wir werden immer länger arbeiten müssen. Deshalb gibt es überhaupt keinen Grund, das Leben eines Menschen in den ersten 20 Jahren dermaßen zu beschleunigen und zu komprimieren wie wir das tun. Das hat natürlich auch mit Ökonomisierung zu tun. Ökonomisierung bedeutet ja, Handeln unter eingeschränkter Ressource – und letztere ist in diesem Fall die Zeit. Man versucht die Menschen, zu ökonomischem Handeln zu treiben, indem man ihnen die Zeit knapp macht. Das ist abartig. Dabei hat jeder Tag nur 24 Stunden.

 

Zumal man im Alter ja auch länger arbeiten muss.

 

Ja, es passt hinten und vorne nicht. Anstatt am Anfang großzügig zu sein und den Leuten die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln. Nehmen wir doch mal das Beispiel in Bayern: Hier wird in der vierten Klasse entschieden, wohin sich das Leben entwickeln wird. Darfst du nun aufs Gymnasium gehen oder nicht. Warum gibt man den Kindern nicht einfach Zeit? Warum geben wir so Vollgas? Dass viele unsere Gymnasiasten an die Unis getrieben werden – völliger Unsinn.

 

Was wäre denn die Alternative?

 

Die Gymnasiasten sollen eine Berufsausbildung machen. Wir sorgen dafür, dass wir unser klasse duales Bildungssystem, also Berufsschule neben der Ausbildung im Betrieb, auseinandertreiben. Und darum beneidet uns schließlich die halbe Welt. Unis sind auch keine Berufsausbilder und im Gegensatz zu Fachhochschulen keine Zulieferer für die Industrie. In dem Video plädiere ich für mehr Großzügigkeit, für mehr Gelassenheit, den Ball flach halten. Gebt den Kindern einfach Zeit und lasst sie sich entwickeln.

 

Sie als Uni-Professor, wo sehen Sie Unterschiede zwischen den Erstsemestern von heute und den von vor zehn oder 15 Jahren?

 

Also zu erst einmal: Sie sind jünger. Im Leben bedeuten zwei Jahre schon ganz schön viel – besonders wenn der Betreffende noch nicht 20 ist, was umgerechnet schon zehn Prozent seines Lebensalters sind. Diese zwei Jahre fehlen teilweise. Eine gewisse Ruhe, eine Krisenbeständigkeit, Konfliktauseinandersetzung, etwas aushalten können. Dass einmal nicht alles so funktioniert wie früher, wo man super Noten bekommt, sondern damit klarkommt, dass man jetzt auch mal eine Drei bekommt.

 

Was genau kritisieren Sie da?

 

Vor allem: Die völlige Hinwendung zur Benotung – das ist eine der drastischsten Veränderungen in der Universität. Früher waren es nur wenige Noten die im Diplom stehen, heute steht da jede Note von jeder Vorlesung im Bachelorzeugnis! Das sorgt dafür, dass bei den Studenten im ersten Semester schon eine Welt zusammenbricht, wenn sie eine Drei bekommen, weil sie denken, sie erreichen ihren Schnitt nicht mehr. Auf der einen Seite haben wir immer weniger Studenten, die in der Lage sind, die Härten eines Studiums auszuhalten. Auf der anderen Seite treiben wir sie natürlich auch in so eine Anpassungsphase, indem wir alles benoten.

 

War das früher anders?

 

Wir hatten früher mal eine Kultur des Vertrauens. Heute haben wir ein reines Misstrauensmanagement. Besser wäre doch, wir würden es so machen, dass wir am Ende des vierten Semesters sagen, dass es eine mündliche Prüfung gibt und wir die Studierenden über den Gesamtzusammenhang abfragen. Dann setze ich natürlich das Vertrauen in den Studenten, dass er die Veranstaltung besucht und sich den Stoff selbstständig erarbeitet. Es gibt keine Prüfungen mehr im Zusammenhang, weshalb viel, viel mehr Fachidioten produziert werden. Das war früher auch nicht so. Da konnten Studenten schlendern – heute müssen sie marschieren. Jetzt könnte man natürlich sagen: "Moment mal, Lehrjahre sind keine Herrenjahre" – im Gegenteil: Um ein Gehirn wirklich gut entwickeln zu lassen, braucht es Freiräume. Das sieht man ja an Elite-Unis.

 

An denen man den Studenten sagt: Macht wie ihr wollt?

 

Genau. Da sagt man: "Ihr könnt auch scheitern, aber hey, wenn ihr gut seid, dann werdet ihr relativ schnell feststellen, dass Disziplin, Pünktlichkeit und eine gewisse Art von Rhythmus ganz wichtig ist." Freiheit ist ein Begriff, der in Verbindung mit Vertrauen Grundbausteine des universitären Daseins bedeuten. Wenn wir das wegnehmen, dann zerstören wir das und machen daraus eine Maschinerie, eine Art Pipeline. Vorne kommen die Jugendlichen rein, und hinten kommen irgendwelche Studenten raus, bei denen dann aber wieder die Industrie sagt: Nein, die wollen wir doch gar nicht. Zumindest nicht so.

 

Wenn ich an meine Zeit in der Uni denke, fallen mir Hunderte Folien ein, die mit Eiltempo vorgezeigt werden. Ich finde das einschläfernd, weil es einfach zu viel ist. Und ich studiere an einer Fachhochschule.

 

Das kann ich durchaus nachvollziehen. Wenn ich aber heute nochmal studieren würde, würde ich dennoch an eine FH gehen, weil ich den Eindruck habe, dass die viel besser auf das Bologna-System ausgerichtet sind. Die Unis tun dagegen immer noch, als seien sie etwas anderes. Und haben dadurch in der Logistik das Problem, nicht studentenfreundlich zu sein, weil sie glauben, sie seien etwas Besseres. Da sind die FHs ehrlicher. Die sagt einfach: "Okay, pass auf: Hier geht es hart zu, aber wenn du hier rauskommst, hast du auch die Chance, dass du was machen kannst."

 

Was kann man dagegen machen?

 

Wir sollten irgendwann anfangen, der Vernunft endlich wieder Raum zu geben, zurückzukommen zu Verhältnissen, in der Dinge großzügiger waren. Und dabei möchte ich nicht sagen, dass früher alles besser war – aber es war langsamer. Auch wieder den Lehrern mehr Spielraum zu geben und sie nicht mit brutalen Lehrplänen damit zu knebeln, am Ende des Schuljahres irgendwo sein zu müssen. Warum geben die Ministerien den Lehrern so wenig Gestaltungsfreiheit? Nehmen wir doch mal mein Fach Physik: Es ist erschütternd, dass heute nicht mehr die elementarsten Dinge gelehrt werden.

Welche Auswirkungen hat diese Komprimierung von Lerninhalten im Eiltempo für die Gesellschaft?

 

Durch das Versagen der Schule und der Universitäten verschwindet die Lust am Nachdenken und Hinterfragen, weil man sich nicht mehr traut. Und gar nicht mehr weiß, zu welchen gedanklichen Leistungen man in der Lage ist. Das was eine demokratische Gesellschaft braucht, sind ja kritische Menschen, die einen Zusammenhang hinterfragen können. Zunächst auf Grundlage ihrer Vorurteile, dann ihrer Meinung und zuletzt auch wegen der Faktenlage. Was wir im Moment erleben, ist das Ende der Fakten. Das hat auch damit zu tun, dass auch immer weniger Leute darauf vertrauen, was sie denken. Und dazu muss man nicht studieren, sondern braucht einfach nur genügend positive Rückmeldungen, dass man sich selbst traut. Das Schlimmste, was passiert, ist, dass man sich nicht traut. Wenn man sich nicht traut, kriegt man Angst. Angst erzeugt aber Hass. Sie können das für alle gesellschaftliche Bereiche nehmen: Wenn sie souveräne Menschen haben, die wissen wer sie sind und was sie können, ist die Gefahr von Konflikten bei dem Gegenübertreten von etwas Neuem – das können neue Menschen oder aber auch neue Entwicklungen sein – natürlich viel geringer, als wenn sie es mit Leute zu tun haben, die zutiefst verunsichert sind.

 

Das heißt?

 

Unsicherheit führt im Allgemeinen dazu, dass unser Gehirn etwas tut, was es eigentlich nicht tun will, nämlich Angst produzieren – und das ist der schlechteste Ratgeber in allen Lebenslagen. Ich glaube, dass diese Vernichtung von Optionen für unsere jungen Leute langfristig dazu führen wird, dass wir eine sehr angstbesetzte Gesellschaft bekommen werden, die mit den Herausforderungen, die auf uns zu kommen, immer schlechter zu Rande kommt. Weil die Leute nicht souverän sind und nicht vertrauensvoll in ihre eigenen Handlungen gehen können. Wir hatten das schon einmal in Deutschland. Und wenn man sich den Rest von Europa anschaut, kommen immer mehr rechtspopulistische Strömungen durch. Und das hat auch damit zu tun, dass unsere Bildungseinrichtungen generell in Europa deutlich nachgelassen haben.

 

Aber warum hat man das nicht früher gemerkt? Ist man sich dem überhaupt bewusst geworden, was für Folgen dieses Art von Schulsystem hat?

 

Es sind Strömungen. Wir haben eine neoliberale Strömung gehabt, die wir jetzt ganz langsam wieder zurückschieben werden, wobei sie wieder angefangen hat, nach vorne zu gehen. Wir sehen das ja nicht nur in der Bildung, sondern auch bei der Entwicklung von Flexibilisierungsmaßnahmen im Finanzmarkt, bei denen alle Experten gewarnt haben, dass man es nicht machen soll. Und das Schlimme ist: Wenn man es erstmal durchgezogen hat, ist es ganz schwierig, das wieder zurückzudrehen.

 

Weil das System auch als Natürlichkeit angesehen wird? Als eine Art Religion?

 

Genau, weil wir aber auch keine Kultur des Scheiterns haben. Wir haben uns in Deutschland angewöhnt, immer nur über Erfolge zu reden und niemals darüber: "Oh, da haben wir uns geirrt." Dabei ist ein Irrtum eine tolle Sache. Da besteht der Erkenntnisgewinn nämlich darin, zu wissen, wie es eben nicht gehen sollte. Wenn wir eine Kultur des Scheiterns hätten, gebe es viel früher Reflexionen darüber, ob denn die Richtung, in der wir mit einer bestimmten Entscheidung gegangen sind, auch tatsächlich erreicht wird oder ob es nicht falsch ist, dass wir bemerken, dass man Entwicklungen angetrieben hat, an die man gar nicht gedacht hat. Und ich glaube, da liegt der Hund begraben. Wir haben durch die anglo-amerikanische Art, komplett auf den Erfolg zu gehen, vergessen, dass es mal eine kontinentaleuropäische Tradition war, kritisch nachzufragen, ob man überhaupt richtig ist. Und auch mal Spaßbremse zu sein.

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Quelle: Berliner Morgenpost, Interview mit Harald Lesch zum Bildungssystem

 

 

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